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zur Scheibe
Einer
der wichtigsten archäologischen Bodenfunde des letzten
Jahrhunderts ist die 1999 entdeckte Himmelsscheibe von Nebra
(Sachsen-Anhalt) (Abb.1). Die mit goldenen Himmelsmotiven
verzierte Bronzescheibe wurde vor etwa 3600 Jahren zusammen
mit Schwertern, Schmuck und anderen Werkzeugen auf dem Mittelberg
bei Nebra niedergelegt. Derzeit wird sie in Fachkreisen als
die bislang älteste Darstellung des Kosmos weltweit gewertet.
Ihr Durchmesser schwankt zwischen 31 und 32 cm. Die Dicke
der Scheibe nimmt von außen nach innen von etwa 1,5
mm auf etwa 4,5 mm zu. Ihr jetziges Gewicht - die Scheibe
ist noch nicht komplett restauriert - liegt bei 2050 g. Auf
der Scheibe waren 37 Goldbleche mit einer Dicke von ca. 0,4
mm angebracht. Sie werden als Sonne, Mond und Sterne dazwischen
liegend die Plejaden sowie 2 Horizontbögen gedeutet.
Der Rand der Scheibe ist umlaufend mit mindestens 38 etwa
2,5 mm messenden von der Vorderseite her angebrachten Lochungen
versehen. Die Scheibe wurde aus einer Kupfer/Zinn-Legierung
mit einem Zinngehalt von ca. 2,5 % gefertigt. Zum Vergleich:
Die typischen Zinn/Kupfer-Bronzen der frühen Bronzezeit
enthalten etwa 8-9% Zinn.
Die
Arbeitsgruppe Archäotechnik Metall' befasst sich
seit geraumer Zeit auch mit prähistorischer Bronzegusstechnik,
mit Verfahren zur Herstellung von Bronzewerkzeugen sowie deren
Anwendung in Experiment. Von dem oben genannten bisher einzigartigen
Fund ging für uns ein besonderer Reiz aus. In diesem
Zusammenhang konnten wir unser Wissen zur prähistorischen
Bronzetechnologie und ihrem experimentellen Nachvollzug sowie
zu archäologischen Werkzeugfunden und ihrem Nachbau bzw.
ihrem Gebrauch im Experiment kombinieren. So konnte eine Modellvorstellung
erarbeitet werden, die Hinweise und Antworten zu verschiedenen
Fragestellungen rund um die Fertigungsprozesse der Himmelsscheibe
von Nebra liefert. Wir möchten in diesem Rahmen auf eine
Detaildarstellung insbesondere des archäologischen Kontextes
mit allen seinen Dokumentationslücken verzichten und
uns auf eine kurze Ausführung beschränken. Ein ausführlicher
Bericht ist an anderer Stelle beabsichtigt (s.u.).
Die
Experimente zum Fertigungsprozess der Scheibe fanden in vier
Schritten statt:
1.
Das Fertigen originalgetreuer Werkzeuge.
2.
Das Fertigen (Gießen) eines Scheibenrohlings
3.
Das Dehnen und Strecken dieses Rohlings auf die Maße
der Originalscheibe.
4.
Die Tauschierplattierung der Motive auf der Scheibe.

Abb.2
Tüllenhämmer, Stichel, Meißel, Punzen der
späten Bronzezeit (Urnenfelderzeit) und Holzschraubstock'
Der
erste Schritt unseres Produktionsprozesses bestand in der
Fertigung der benötigten Werkzeuge. Archäologische
Werkzeuge aus Bronze, die in einen ursächlichen Kontext
mit der Weiterverarbeitung von Bronzegegenständen zu
stellen sind, sind sehr selten überliefert und z.T. insbesondere
in der frühen Bronzezeit schwer als solche zu identifizieren.
Vom Ende der Bronzezeit, der sog. Urnenfelderzeit, sind kleine
Ambosse, Hämmer, Meißel, Stichel und Punzen überliefert.
An diesen zum Alter der Scheibe also chronologisch jünger
einzustufenden Werkzeugformen orientierten sich die Verfasser,
um dem ursprünglichen Werkzeugkasten' des frühbronzezeitlichen
Handwerkers möglichst nahe zu kommen (Abb.2).
Hierbei
zeigte sich in der Anwendung sofort, dass der von uns nachgegossene
Amboss für Treibarbeiten zu wenig Masse aufwies. Er wurde
durch einen Steinamboss (Abb.4) aus kompaktem Amphibolith
ersetzt. Nachdem die Originalscheibe aus einer Bronze mit
etwa 2,5% Zinngehalt gefertigt worden war, musste für
die härteren Bronzen der spanabhebenden, schneidenden
und verdrängenden Werkzeuge ein höherer Zinnanteil
verwendet werden. Hier lag die Bandbreite des Mischungsverhältnisses
einer Versuchsreihe zwischen 12-17% Zinn und 88-83% Kupfer.
Nach dem Guss wurden die Werkzeuge versäubert und ihre
Schneiden vor dem Schärfen kalt schmiedend verfestigt
und damit härter.

Abb.3
a Guss eines Scheibenrohlings bei etwa 1200°C (Specksteinform)

Abb.3
b Offene Gussform mit dem Scheibenrohling
Durch
die Funde von Gussformen ist für die frühe Bronzezeit
die Technik des Kokillengusses mit Steinformen belegt. Die
Verfasser verwendeten für ihre Formen Sandstein und Speckstein,
beides Materialien die nachweislich in Mitteleuropa für
Gussformen auch der frühen Bronzezeit verwendet wurden.
In einer Versuchsreihe konnten schließlich Scheibenrohlinge
mit der Masse der Originalscheibe (ca.2 kg) und einem Maximaldurchmesser
von 19 cm gegossen werden, die außen etwa 5mm und innen
10 mm stark war (Abb.3a / 3b). Flachere Scheiben ließen
sich mit den von uns benutzten Formmaterialien nicht herstellen.
Die Bronze lief hier zumeist unvollständig aus.

Abb.4
Ausschmieden der Rohform mit dem Bronzehammer auf einem Steinamboss
Für
die folgenden Treibarbeiten fanden der oben erwähnte
Steinamboss und die Bronzehämmer Verwendung (Abb.4).
Da bisher aus archäologischen Fundzusammenhängen
keine Bronzezangen dieser Zeitstellung bekannt sind, gehen
wir davon aus, dass der Scheibenrohling kalt ausgeschmiedet
wurde. Hierbei musste, um dem Werkstoff die bei der Treibarbeit
entstehenden Spannungen zu nehmen, das Material nach jedem
Arbeitsvorgang, der die komplette flächige Überarbeitung
des Werkstückes betraf, auf etwa 500 - 700°C erhitzt
werden. Um einen Gusskuchen von 19 cm Durchmesser auf die
Maße der Originalscheibe (ca.32 cm) zu strecken, dürften
nach unseren Hochrechnungen 60 bis 70 Glühvorgänge
nötig gewesen sein. Dieser Prozess des Weichglühens
ließ sich durch metallurgische Untersuchung der Originalscheibe
nachweisen.
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Die
empirische durchschnittliche Vergrößerung des Durchmesseres
der Scheibe liegt bei etwa 0,2 cm pro Arbeitszyklus, wobei
der Zuwachs jeweils abhängig ist von der Größe
der bereits vorliegenden Oberfläche des Werkstückes.
Der gesamte Schmiedeprozess würde nach unseren Schätzungen
etwa 20 bis 25 Stunden dauern. Bei sorgfältiger Führung
des Hammers konnten glatte Oberflächen geschaffen werden,
die der Oberfläche des Originals entsprachen. Die Versuchsreihen
beinhalteten maximal 30 Arbeitszyklen mit originalgetreuen
Werkzeugen, danach setzten die Autoren den Prozess aus Zeitgründen
mit modernen Werkzeugen fort, bis zum Erreichen der Maße
des Originals.

Abb.5 Anreißen der Konturlinien
In
einem letzten Arbeitsschritt wurden die verschiedenen Motive
Sterne, Monde etc. (Abb.1) in Tauschierplattierung auf der
Scheibe angebracht. Diese Technik war für die Frühbronzezeit
Mitteleuropas unüblich. Hierbei wird ein aufliegendes
Material im Gegensatz zur Tauschiertechnik nicht in eine Vertiefung
eingehämmert, sondern unter einer leicht unterschnittenen
Wulst des Grundmaterials eingeklemmt. Um Material in der Scheibe
so zu verdrängen, dass eine Rille entsteht, diese für
Einlegearbeiten' vorzubereiten und schließlich
die Motive einzuklemmen wurden Meißel, Stichel und Punzen
zusammen mit Hämmern verschiedenen Gewichts verwendet
(Abb.2).

Abb.6 Unterschneiden
Der
Umriss des jeweiligen Motivs wurde auf die ausgeschmiedete
Scheibe mit einem etwa 1-2 mm geringerem Durchmesser übertragen.
Erste Schnitte' werden senkrecht in dieser Konturlinie
geführt (Abb.5). Die so entstandene senkrechte Rille
dient an der Außenseite der Kontur als Widerlager für
stichelförmige Werkzeuge, mit Schneidenbreiten von 2-3
mm. Diese werden hier nicht spanabhebend benutzt, sondern
unterschneiden lediglich das Material nach außen verdrängend
so, dass die Kontur unter der Oberfläche vergrößert
wird (Abb.6). In diese Unterschneidung wird das Motiv, im
Original aus Gold, mit einem stumpfen Stichel hineingetrieben
(Abb.8). In der Experimentierphase benutzten wir anstatt des
Goldes ein Tiefzieh-Messing, das in der Farbe und der Verarbeitung
dem Gold sehr nahe kommt. Es hat sich gezeigt, dass es von
Vorteil ist, die innere Konturlinie vorher mit einem punzenartigen,
stumpfen Werkzeug zu brechen (Abb.7), damit das eingelegte
Motiv beim Einklemmen nicht abgeschert wird. Für diesen
Vorgang des Herunterdrückens der aufgeschobenen Wulst
kann wieder die gerade erwähnte Punze verwendet werden.

Abb.7 Brechen der Kante der inneren Konturlinien
Die
unterschneidenden, stichelartigen Werkzeuge behalten ihre
Schnitthaltigkeit für Arbeitsvorgänge von maximal
3-4 cm Länge und müssen danach nachgeschärft
werden. Der Arbeitsvorgang des Unterschneidens muss mehrmals
wiederholt werden, um eine Unterschneidung mit der nötigen
funktionalen Tiefe zu erhalten. Durch das Verdrängen
des Materials beim Unterschneiden wird die Bronze der Scheibe
stark verdichtet und damit hart. Um das Goldblech darin festzuklemmen,
muss die Scheibe daher nochmals ausgeglüht werden (s.o.).
Das kann auch ganz punktuell durch aufliegende Holzkohle geschehen.
Es hat sich gezeigt, dass insbesondere das Anbringen der großflächigen
Motive Spannungszonen erzeugt, die zum Verwerfen der Scheibe
führen. Sie muss erneut erhitzt werden, um ausgerichtet
werden zu können. Das kann am Original nur durchgeführt
worden sein, bevor die Motive aus Gold angebracht worden sind.
Hervorzuheben bleibt, dass während des ganzen Vorganges
des Anbringens der Motive, das jeweilige Motiv fest fixiert
sein muss, um nicht aus den schon geschlossenen und klemmenden
Bereichen herausgerissen zu werden.

Abb.8 Einarbeiten der Goldauflage
Wir
zollen unseren prähistorischen Vorbildern Respekt für
diese Arbeit, an deren Fertigungsprozesse wir uns im Experiment
nur annähern konnten. Die von uns für das Landesmuseums
für Vorgeschichte Halle begleitend zur Ausstellung "Der
geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor
3600 Jahren" gefertigten Himmelsscheiben (z.B.: Abb.9)
tragen bis ins Detail die gleichen Arbeitsspuren wie das Original.
Wir können uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen,
dass wir hier nur Aspekte eines Fertigungsmodells vorstellen
können. Die sog. Experimentelle Archäologie'
kann in der Regel unsere Vergangenheit nicht wieder erlebbar
machen, sie kann jedoch annähernde Möglichkeiten
aufzeigen, die es zu verdichten gilt.

Abb.9 Fertiger Nachbau (Teilbereiche) der Himmelsscheibe von
Nebra
Ausführliche
Darstellungen werden im Rahmen der Reihe Experimentelle
Archäologie in Europa' und in Publikationsorganen der
Landesarchäologie Sachsen-Anhalt folgen.
Claus-Stephan
Holdermann
Hochgebirgsarchäologie'
Institut f. Geologie und Paläontologie
Universität Innsbruck
Frank Trommer
Staatlich geprüfter Denkmalpfleger und
Archäotechniker
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